Beobachtungen
Einmal im Monat eine Beobachtung aus Ausbildung, Führung und Lernen.
Juni 2026
Die Werkbank
Die Werkbank bleibt aufgeräumter als sonst.
Es ist kein großer Unterschied.
Keine Beschwerde. Kein Fehler. Keine schlechte Leistung.
Eigentlich fällt es kaum auf.
Und doch bleibt mein Blick daran hängen.
Dort, wo sonst ein angefangenes Werkstück liegt, ist Platz.
Weniger Notizen.
Weniger Spuren.
Weniger von dem, was entsteht, wenn jemand etwas ausprobiert.
Vielleicht bedeutet das gar nichts.
Vielleicht hatte einfach jemand einen besonders ordentlichen Tag.
Aber nach vielen Jahren in der Ausbildung habe ich gelernt, solchen Beobachtungen nicht sofort eine Erklärung zu geben.
Denn Veränderungen beginnen selten dort, wo wir hinschauen.
Sie beginnen früher.
Leiser.
Unauffälliger.
Wir achten auf Fehlzeiten. Auf Noten. Auf Fehler.
Dabei kündigen sich viele Entwicklungen lange vorher an.
Ein Azubi stellt weniger Fragen.
Ein Mitarbeiter bringt keine Ideen mehr ein.
Eine Klasse wird plötzlich ungewöhnlich ruhig.
Von außen wirkt alles besser.
Ordentlicher.
Reibungsloser.
Und genau deshalb übersehen wir manchmal, was sich verändert hat.
Lernen hinterlässt Spuren.
Fragen hinterlassen Spuren.
Neugier hinterlässt Spuren.
Wer ausprobiert, macht nicht immer alles richtig.
Wer sich entwickelt, geht Umwege.
Wer lernt, hinterlässt selten eine perfekte Oberfläche.
Deshalb frage ich mich bei einer aufgeräumten Werkbank nicht zuerst:
Was läuft hier gut?
Sondern:
Was hat sich verändert?
Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe von Ausbildern.
Nicht schneller zu urteilen.
Sondern länger zu beobachten.
Denn die wichtigsten Signale in der Ausbildung sind oft die, die niemand ausspricht.
Lars Magerhans
Ausbildung Verantworten
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